Filme – und wie ich sie für Rollenspielabenteuer verarbeiten kann

Nur wenige möchten einen Film – und sei er noch so gut – einfach nur nachspielen. Wie also kann ich beim Schreiben eines Abenteuers von einem Film oder von Filmen, die ich gesehen habe, profitieren?

Das kann auf einigen Ebenen geschehen:

A) Ich übernehme das Setting, arbeite es so genau wie möglich aus und verwende es als Hintergrund für mein Abenteuer. Ist natürlich eine perfekte Sache, wenn alle die Filmvorlage kennen, da wir so dem legendenumrankten „gemeinsamen Vorstellungsraum“ schon sehr nah kommen.

Beispielsweise könnte ich mir den grandiosen „Demolition Man“ reinziehen und dessen tolle Hintergrundwelt möglichst genau abkupfern, um weitere Teile ergänzen und dann meine Abenteurergruppe mit einem frischen Aufhänger in diese Welt jagen. Wichtige Setting-Elemente wären da: machtloser Polizeiapparat, unterirdisch lebende Rebellen, der „gute Vater“, die friedliche Welt, in die Gewalt einbricht, die Technologie, und hey … die drei Muscheln. Daneben gäbe es feste Örtlichkeiten wie die Polizeistation, das Restaurant, das Museum, die Katakomben … – dazu erfinde ich noch die Präsident Schwarzenegger-Bibliothek, die Cryo-Labore oder die Villa des Regierenden und es kann losgehen, indem ich einfach nur einen kleinen Köder auslege und die Gruppe losschicke. Dass die Charaktere frisch aufgetaut sind, versteht sich ja von selbst. (Himmel! Jetzt hab ich mich in Rage geschrieben und habe Lust, das Setting auszuarbeiten).

Diese Methode ist perfekt, wenn ihr gemeinsam eine euch bekannte Welt erleben wollt. Und bitte, bitte, kommt nicht auf die Idee, den Film nachspielen zu wollen. Lernt aus meinen Fehlern, das hat noch nie funktioniert.

B) Ich versetze das Setting in eine andere Welt oder ein anderes Genre. Aus gegebenem Anlass fällt mir da beispielsweise ein, dass ich mir „Running Man“ ansehen könnte. Ich habe aber keine Lust auf diesen „near future“-Hintergrund (Ja, ich weiß – 2017!), möchte aber meiner Gruppe ein ähnliches Spielerlebnis bescheren.

Kein Problem. Bewege ich mich einfach in die Fantasy, nehme mir wichtige Elemente der Vorlage zur Brust und verändere sie so, dass sie in die Fantasy-Welt passen, die mir vorschwebt.

  • Korrumpierter Staatsapparat: Hey, das müssen Dunkelelfen sein!
  • Jagd-Fernsehshow: Ein Ritual, in dem die Gefangenen ihr Freiheit erkämpfen müssen!
  • Die Stadt: Ein unterirdischer Komplex mit allerlei Fallen, aber auch Möglichkeiten, seine Chancen zu steigern!
  • Der Showdown: Eine Möglichkeit, die Regeln des Rituals zu ignorieren oder zu wenden?

Nur mal so aus der Hüfte geschossen. Da gibt es noch etliche weitere Setting-Elemente, die ich verwursten und einbauen kann. Gerade bei dieser Methode ist es aber nicht zwingend notwendig, alle Elemente und Tropes einzubauen. Hier kann ich meine Vorlage mehr als Ideen-Steinbruch betrachten.

C) Ich stehle den zentralen Konflikt der Vorlage. Nachdem ich „Der Krieger und die Hexe“ gesehen habe, finde ich die Grundidee total klasse, irgendwo einen Brunnen (oder einen anderen begehrenswerten Ort oder Gegenstand) vorzufinden, um den sich zwei oder gar mehrere Fraktionen streiten. Und das funktioniert tatsächlich immer und überall.

Möchte ich, dass sich bei Shadowrun drei Konzerne um des Jungbrunnenserum von Professorin Hoppenstedt streiten oder wir in der Fantasy bleiben und der Brunnen auf dem Wüstenplaneten der große Streitpunkt zwischen den beiden einflussreichen Familiengruppen ist? Kein Problem. Die vier Jugendbanden des Viertels wollen die Vorherrschaft über den einzigen Bolzplatz oder Amerikaner und Russen haben es im dritten Weltkrieg auf ein wichtiges Erzabbaugebiet abgesehen. Klappt.

Sehr positiv an diesem Ansatz ist, dass ihr eure Charaktere als Fremde (in bester Jack Reacher-Manier) auf diesen Konflikt stoßen lassen könnt und nun ist es an ihnen das Problem einfach bestehen zu lassen und weiterzureisen, sich einer Seite anzuschließen, sich zwischen den Fronten zerreiben zu lassen oder gar alle Fraktionen gegeneinander auszuspielen.

D) Ich habe mich in ein Element einer Geschichte verliebt. Das ist nun easy und kommt wahrscheinlich auch in publizierten Rollenspielwerken wohl häufiger vor als ihr denkt, denn wir alle haben wohl Vorbilder für alle nur erdenklichen Elemente unserer Abenteuer – und nicht selten finden wir die auch in Filmen.

Die Endgegnerin soll wie „Goldfinger“ einen Goldlaser haben? Bäm. Immer rein damit in mein Setting. Diese Elemente lassen sich natürlich auch in andere und scheinbar unpassende Welten transformieren. In einem Fantasysetting ist das einfach ein sehr heißer und dünner Magiestrahl und im Mittelalter ist es eine Klinge aus einem besonderen Stahl. Euch wird da schon etwas einfallen.

E) Eine Person in einem Film hat mich besonders fasziniert. Ähnelt sehr Punkt D), dann auch auffällige Personen lassen sich leicht für ein Rollenspielabenteuer klauen. Wenn ich Omar Sy in „Lupin“ toll fand, spricht nichts dagegen, einen cleveren Dieb, dessen Diebeszüge auf seinem Charme, genialer Planung und tollen Verkleidungen basieren, in euerem Abenteuer vorkommen zu lassen. Und da ist es dann wieder egal, ob als Gegner, als Verbündeten, als Auftraggeber …

Es spricht auch hier wieder nichts dagegen, die Vorlage in andere Welten zu versetzen, eine charismatische Bardin im Fantasy-Setting oder ein gut aussehender Filou, der der Jugend-Detektive-Bande zusetzt sind problemlos denkbar.

Logo: Mit Vorteil – Wo wir klauen (Copyright pete_lectro)

Es gibt sicher noch zahllose weitere Ebenen, auf denen ihr Filme verwenden könnt, aber das hier schonmal ein Startpunkt für eure Gedanken. Und wenn ihr gerne noch schlauere Leute hören wollt, die sich ähnliche – und immer sehr konkrete und am Spieltisch leicht zu verwendende – Gedanken machen, dann solltet ihr euch den Wo wir klauen-Podcast reinziehen, wo Nacchi (@nacchiraltwenty) und Pete (@pete_lectro)in bisher 8 Folgen etliche Vorlagen auf sympathische und kluge Art und Weise fleddern.

P.S.: Völlig vergessen, dass ihr euch zum Thema auch die Spielfilm-Folgen des System Matters-Podcast ansehen könnt – wie auch aus gleichem Hause auf dem Twitch-Kanal von System Matters die tolle Reihe „Inspiration matters“. Asche auf mein Haupt – das hätte mir nicht durchflutschen dürfen. Tschuldigense, Herr Tentakel!

10 Gedanken zu „Filme – und wie ich sie für Rollenspielabenteuer verarbeiten kann“

  1. Hi,
    danke für deine Ideen. Ich hatte mal „Flucht aus Asolom“ als Vorlage für einen Insel-Job in Shadowrun als Vorlage genutzt. Ist Ewigkeiten her und ich würde es heute, an der ein oder anderen Stelle anders angehen, aber es waren coole Szenen dabei.

    Was machst Du, wenn Spieler*in A „den Film“ und Spieler*in B „den Roman“ kennt. Man weiß ja, das sich der Stoff, teils, sehr drastisch unterscheidet. Manchmal so Kleinigkeiten wie bei Eragon (Jahreszeit: Roman ist Winter, Film ist Sommer), oder bei Demolition Man (Roman spielt auf der Erde, Film auf dem Mars). Willst Du die Spieler alle auf eine Level bringen und vorher nochmals einen Filmabend machen? Oder empfiehlst Du ggf den Retrocast?

    Gruß
    Würfelheld

    1. Hi, André. Die Frage ist ja nur für den ersten Fall von Interesse. Wenn es vor allem auf die Reproduktion der Hintergrundwelt ankommt, würde ich in der Tat vorher den Film oder die Serie als „Hausaufgabe“ geben (wenn die meine Vorlage waren). Ansonsten spielt ja die Kenntnis der Vorlage keine große Rolle. Sie kann etwas dabei helfen, die Tropes genießen zu können, aber sonst ist es ja vor allem für meine Vorbereitung wichtig.

      Und hey, Danke für’s Kommentieren. Es ist toll zu lesen, dass ich nicht nur einfach so vor mich hin schreibe.

      1. Hausaufgaben – lol – ja das ist das was man als Rollenspieler*in unbedingt braucht. Aber ich verstehe was Du meinst.

        Zu „E“. So eine Person als Inspiration nehmen kenn ich, kann echt Spaß machen. Ich habe mich da mal vom Film „The Wanderes“ inspirieren lassen. So die „Gang“-Struktur… Aber e kann auch gewaltig in die Hose gehen. Wir hatten da mal eine Cyperpunk-Rund. Es kristallisiert sich ein Team raus – unser Teamlead war fast das 1:1 Abziehbild von Snake/Plisken (Klapperschlange). Man war das übel. Der Spieler tat zwar alles um den Charakter gut darzustellen, es veranlasste aber aber immer zu Witzen bzw. dummen Sprüchen.

        1. Jau. Ist natürlich mit Gefahren verbunden.

          Aber ich fokussiere ja auf das Erstellen von Abenteuern. Da kann so eine interessante Gestalt inspirierend sein – vielleicht ändere ich sie dann am Schluss doch noch so ab, dass es nicht zu nah am Original ist, wenn ich da Bedenken habe.

          1. Hi Moritz,
            der Artikel ist auf jeden Fall gut und zeigt auf, wie einfach man doch Inspirationen für Abenteuer finden kann. Ob Film, Serie, Buch, Zeitung, …
            Gruß, Andrè.

  2. Moin,

    Danke für den schönen Beitrag, inspiriert mich noch mal über die „Verwertung“ von Filmen nachzudenken. Wenn ich mich noch richtig erinnere, dann hatte ich mal das Thema der 7 Samurai in eine Twilight Kampagne eingebaut, ist aber ewig her.

    Was ich sehr gerne mache, ist die Verwendung von mehr oder minder verfremdeten Filmfiguren, als NPCs. So mussten die Jungs aus „Cool Runnings“, beispielsweise als abgedrehte Raumschiffcrew herhalten, oder die weibliche M aus den neueren Bond Filmen, durfte sich als Chefin einer interstellaren Werkstatt verdingen.

    Hin und wieder klaue ich auch einzelne Szenen aus Filmen, wobei ich hier vor allem die absurd komischen bevorzuge. Buckaroo Banzai liefert da viele volle Szenen, wenn ich alleine an Dr. Emilio Lizardo und seine Zunge denke 🙂

    Hat auf jeden Fall Spaß gemacht Deinen Artikel zu lesen.

    Viele Grüsse
    gnlpfl

    1. Vielen Dank für den ausführlichen Kommentar. Und ich darf gar nicht zugeben, dass mich Buckaroo zutiefst enttäuscht zurückgelassen hat, nachdem ich den Podcast darüber gehört hatte. 😉

      1. Stimmt schon, Buckaroo ist … äh … sagen wir mal speziell. Ich hatte diesen Film einen guten Freund empfohlen. Nachdem er ihn gesehen hatte, zweifelte er an meiner geistigen Gesundheit

        BTW, ich bin gerade dabei Deinen Blog in chronologischer Reihenfolge zu lesen. Hilft mir die letzten 10 Jahre Rollenspiel Abstinenz aufzuarbeiten, bzw. meine Lücken im Bereiche D&D zu schließen. Beim Einstieg ins Thema Rollenspiel (83/84), ist das damals tatsächlich weitestgehend an mir vorbei gegangen.

        Um so schöner ist es, dass ich mich in Deinem Blog informieren kann, wo ich doch nach meinem Wiedereinstieg, großen Gefallen an dem Thema OSR gefunden habe.

        1. Uh, das freut mich, dass mein Blog da zu etwas nütze ist. So zu Beginn hatte ich echt mal ordentlich viele Leser*innen. Ich glaube, die Zahlen werde ich mit einem vulgären Blog nicht mehr erreichen.

          Aber wo du dich schon im Blog durch die Old-School-Szene der Jahre 2008 bis 2013 liest – funk mich einfach an, wenn dir irgendwas fehlt. Ich bin um Ideen für neue Blog-Beiträge froh, denn irgendwie habe ich den Eindruck, dass ich schon über alles geschrieben habe.

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