[Sonntags-Interview] Roger Lewin (Chefredakteur Teilzeithelden)

Und wieder ein neuer Aspekt des Rollenspiels, den ich beleuchte – Roger Lewin erzählt über seine Arbeit mit und an den Teilzeithelden.
1. Roger –
schildere doch mal bitte kurz deinen Weg ins Rollenspiel.
Hallo
Moritz! Tja, ich denke, das hängt maßgeblich mit meiner Faszination für die
Phantastik zusammen. Vermutlich begann alles 1979, als ich im zarten Alter von
fünf Jahren von meinen beiden älteren Brüdern in Star Wars 1 (heute Episode IV)
geschleppt wurde. Danach war es um mich geschehen und ich begann mich eingehend
mit Fantasy und Science-Fiction zu beschäftigen. Als dann ein Schulfreund, mit
dem ich immer am Amiga gespielt habe, die damalige DSA-Basisbox anschleppte, erkundeten wir gemeinsam diese für uns
neue Welt und Art des Spielens. Ich meine, ich war 14 oder 15 Jahre alt.
Verglichen mit der Art, wie ich das Hobby heutzutage betreibe, liegen da sicher
Welten dazwischen, aber wir hatten eine Menge Spaß und es hat ein Jahr
gedauert, bis ich meine ersten Schritte als SL begonnen habe,
2. Was
hat dich dazu bewogen, den Spielleiter geben zu wollen?
Böse
Stimmen würden behaupten. dass ich gern nach Kontrolle greife <lacht>.
Nein, Hand aufs Herz. Ich denke mir gerne Welten aus, lasse mich von
Weltenbeschreibungen treiben und stelle mir Probleme vor, die in den Welten
entstehen könnten. Ich leite sehr wenig fertige Kampagnen oder Abenteuer, weil
die mir oft zu eng gesteckt sind. Ich würde sagen, dass ich die Welt leite,
nicht das Abenteuer. Die letzte fertige Kampagne, die ich geleitet habe, war Darkness Descends für das
SciFi-Rollenspiel Trinity von White Wolf. Das ist Jahre her. Ich denke
mir meine Sachen selbst aus. Da warte ich übrigens auch händeringend auf die
neue Version, die ja 2017 kommen soll. Es macht mir auch einfach Spaß, Menschen
zu entertainen.
3. Kommst
du derzeit überhaupt noch zum Spielen?
Nein,
offen gesagt nicht. Ich habe das letzte Mal vor über 2 Jahren kurz in einer L5R-Runde gespielt, diese ging aber
leider nicht weiter, da die Mitspieler zu weit räumlich getrennt waren. Meine
Frau wirft mir manchmal im Scherz vor, dass ich gar nicht mehr spielen kann.
Damit meint sie, dass ich zu viel Spielzeit an mich reiße oder einfordere. Als
SL bin ich es gewohnt, häufiger zu reden als die Spieler, man ist ja für die

ganze Welt zuständig. Das müsste ich mir erst wieder abgewöhnen. Auf der
anderen Seite leite ich gerade ganze fünf Runden und da bleibt einfach keine
Zeit mehr, selbst zu spielen neben den ganz anderen Hobbies und
Verpflichtungen, die ich habe.

4. Du
lieferst mir die perfekten Stichworte – neben deinem absolut fordernden
Privatleben hast du ja auch deine Hände in diversen Rollenspielprojekten –
erzähl doch mal…
Der
alltägliche Wahnsinn eben für einen kreativen Nerd. Dass ich der Kopf von Teilzeithelden
bin, ist kein großes Geheimnis und ich freue mich jeden Tag, wie groß das
Magazin geworden ist. Das wurde natürlich nur so wegen den tollen Menschen, die
am Projekt mitarbeiten. Und auf die bin ich echt stolz. Daneben war ich Teil
der Jury des Deutschen Rollenspielpreises in 2015 und habe meine Meinung und
Bewertung zu den eingereichten Produkten beigesteuert. Würde ich noch irgendwie
Zeit haben, würde ich mich auch mehr am GRT beteiligen wollen…..
Meine Runden gerade sind; Aberrant, ein Superheldensystem nach White Wolf, spielt in einem
alternativen Japan der Neuzeit und macht einen Heidenspaß, dann Earthdawn nach der vierten Edition von Ulisses – die SC sind nach dem Angriff
eines großen Dämons auf ein Segelschiff über dem Servosdschungel abgestürzt und
müssen nun ihren Weg in die nächste Zivilisation finden. Weiter gibt es eine Dresden Files-Runde, aber nach FATE Core
mit Anpassungen am originalen Magiesystem – hier decken die SC ein Ritual zur
Wiederbelebung eines Vampirs auf, mit rein spielt eine Verschwörung, die sich
sogar bis in die Kreise der Wardens zieht. Online zu leiten, versuche ich nun
das erste Mal, dann aber gleich mit zwei Runden. Zum einen Trinity und Star Wars: Am
Rande des Imperiums
. Ich bin sehr angetan von der Chance, mit Leuten aus
dem TZH-Team zu spielen, die ich sonst nie real treffen würde und bin auch ganz
zufrieden, mit der Möglichkeit, Handouts virtuell vorzustellen. Aber so richtig
warm werde ich mit dem Onlineleiten einfach nicht.
5. Na,
komm schon! Mit einer Antwort darfst du mal so richtig die Werbetrommel für die
Teilzeithelden rühren.
Roger: Du willst
sicher auf Patreon hinaus.
Wir haben uns entschieden, diese Form der Honorierung der Aufwände für unsere
Schreiber, Grafiker und Lektoren zu nutzen. Ich meine, das ist stellenweise echt
ne Menge Arbeit. Produkte lesen, Spieltesten, Texte dazu schreiben, Rahmeninformationen
recherchieren, viele Stunden Überarbeitung und letztendlich Livesetzung des
Endartikels. Das ist viel Arbeit, wo wir uns freuen würden, wenn unsere Leser
den Kollegen mit Patreon „Danke!“ damit sagen. Wir machen diese
Arbeit freiwillig und weil wir Spaß dran haben – aber wenn man einmal im Jahr
mit seinem Lebensgefährten Abendessen gehen kann von der Wertschätzung der
Leser, ist das ein tolles Gefühl.
Einige werfen uns ja Geldmacherei vor, aber denen muss ich
leider entgegnen, dass die liquiden Mittel in der Branche nicht so locker
sitzen, wie man annehmen mag. Wir kommen in den meisten Jahren auf eine
schwarze Null nach Abzug von Steuern etc. raus. Da bleibt einfach nichts für
die Schreiber und anderen Mitwirkenden übrig.
Also wer uns noch nicht kennt und eine Plattform besuchen
möchte, die regelmäßig Produkttests und News zu allen Bereichen der gespielten
Phantastik bringt, der soll mal vorbeischauen. Ihr werdet nicht enttäuscht!
6. Absolut. Da gibt es Projekte, die weniger unterstützenswert sind. Wie viele
„Teilzeithelden“ gibt es denn mittlerweile und wie bekommt man diesen
Flohzirkus halbwegs in den Griff?
Stand
heute sind wir 31. Fünf Lektoren, eine Grafikerin, der Rest Redakteure für die
verschiedenen Bereiche. Wir bedienen ja nicht nur Tischrollenspiel, sondern
auch LARP, Tabletop, Filme und Serien und was weiß ich noch alles. Ich selbst
bin im echten Beruf Projektleiter im IT-Umfeld, damit einher geht natürlich
eine Menge an Wissen über die Steuerung von Projekte und das Anleiten von
Teams.
Und dieses Wissen habe ich bei der Organisation von Teilzeithelden eingebracht. Wir haben
zum Beispiel Teamleiter, bei uns Ressortleiter genannt werden. Die Teams
koordinieren sich selbst und bestimmen frei ihre Themen, der Leiter meldet sie
an mich. Das fließt dann in die Planung ein. Die Themenplanung selbst wird bis
zu zwei Monate im Voraus gemacht und wir arbeiten mit Einreichungsfristen – das
ist immer zehn Tage vor Veröffentlichung des Artikels. Die Planung vorab
bekommen übrigens alle Patreon-Unterstützer, die 3 USD und mehr je Monat
spenden. Klar muss sich jemand erstmal an die Workflows, die wir etabliert
haben, bei Hinzukommen zum Team gewöhnen, aber das geht meist recht fix. Logisch
muss man ab und an den einen oder anderen ein wenig an die Termine erinnern,
aber in Summe sind wir alle sehr zufrieden mit den zugrunde liegenden
Prozessen.
7. Ja,
hört sich etwas komplizierter an als einen Seifenkisten-Artikel
zu schreiben und freizuschalten. Wie kam es zustande, dass aus der doch recht
übersichtlichen News-Seite so eine „Mega Corporation“ entstanden ist?
Vision? Zufall?
Naja, wenn
ich was mache, dann mache ich es richtig. News haben wir ja nie so richtig gemacht,
sondern uns immer mehr auf die Inhalte mit höherer Halbwertszeit konzentriert.
Ich würde schon sagen, dass es ambitionierte Vision war und wir sind auch
vermutlich nicht am Ende angelangt. Wir könnten noch viel mehr machen – aber
dazu fehlt uns die Mannkraft. Redakteure bei uns sind angehalten, einen Artikel
im Monat einzureichen, nach meist freier Themenwahl. Bei einigen gibt es
Sondervereinbarungen mit sechs Artikeln im Jahr. Was uns für „mehr“
Content fehlen würde, wäre noch mindestens ein weiterer Lektor und vor allem
ein Layouter/Setzer. Zurzeit setze ich selbst die Artikel, das kann ich ab
einer gewissen Menge nicht mehr gewährleisten. Und letztendlich natürlich auch
mehr neue Redakteure. Wir schreiben Ende Januar einen Redakteur für die gesamte
World of Darkness aus und im Februar
einen für die deutschen Übersetzungen von Pathfinder.
Wir wachsen also weiter – jedoch langsam. Es gibt ja auch Bewegungen im Team.
Manch einer bekommt es zum Beispiel durch einen neuen echten Job nicht mehr
zeitlich hin oder ist schreiberisch ausgebrannt. Dadurch gehen diese in die
Pause und es sind wieder weniger Beteiligende. Die Grundtendenz ist aber weiter
nach oben gerichtet.
8. Hört
sich gut an. Du weist ja schon die Tendenz zur „News-Seite“ von dir –
was ist die Idee hinter der Seite? Hat sie vielleicht sogar einen Fokus?
News sind
ja etwas, was gerade jetzt eben in diesem Moment passiert. Da macht Dominik mit
dem Almanach wieder einen
hervorragenden Job. Wir senden auch News, ja, aber als Mehrwert für die, die
uns aus den sozialen Medien folgen. Wir machen auch monatliche Tabletop-News,
schick aufbereitet in einem eigenen Artikel. Aber echte Short-News gibt es
nicht bei uns, sondern eben nur bei unseren sozialen Präsenzen, hier
vornehmlich Facebook. Was wir dort sende, steht aber auch in unserer seitlichen
Navigationsleiste. Wir wollen niemanden aussperren. Klar würde ich es auch gern
etwas aufbereiteter im Magazin machen, aber das wäre ein ganz eigenes Team, was
noch zusammengestellt werden müsste.
Rollenspielprodukte sind ja generell Produkte von höherer
Halbwertszeit als beispielsweise ein Computerspiel. Und damit bleiben sie auch
über viele Jahre lang interessant. Und da ist dann auch unser Fokus oder
Anspruch: Für die von uns vorgestellten Produkte belastbare Kritiken zu bieten
und auch Tipps und Hinweise für die Spielarten des Hobbies generell zu geben –
verbunden mit so manch philosophischem Gedanke.
9. Wir
nähern uns mit Riesenschritten dem Ende – gibt es ein System oder ein Setting,
das dir besonders am Herzen liegt?
Ich bin
einer der Spieler, die Welten höher schätzen als Regeln. Mit den Regeln kann
ich mich immer irgendwie arrangieren. Eigentlich gibt es zwei Welten, die ich
favorisiere. Da wäre zum einen Rokugan aus L5R,
wenn man denn einige Entgleisungen im Fluff ignoriert und das Trinity Universe von White Wolf. Beide grundverschieden, aber
beide toll. Das ist eine Japanofantasy, das andere Pulp/Superhero/Science-Fiction.
10. Das
sind auch definitiv zwei interessante Settings. Vielen Dank für deine Zeit! Zum
Abschluss erhältst du wie alle Sonntags-Interview-Partner die Chance, dem
deutschsprachigen Rollenspielvolk ein paar Worte höchster Weisheit mit auf den
Weg zu geben.
Leben und
leben lassen, Freunde. Es gibt keinen Weg, Rollenspiel „richtig“ zu
betreiben. Jeder entscheidet das für sich selbst. Und wenn Du, ja, genau DU,
privat mit einem System nicht klarkommst, dann halte es wie der Pinguin
„Einfach mal die Klappe halten!“. Und sonst gilt immer: Spielen,
spielen, spielen und auch mal was Neues austesten und sich aus der eigenen
Komfortzone bewegen. Und Teilzeithelden
lesen. Oder so … <lacht>

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