[Interview] Tobias „Tigger“ Hamelmann (Shadowrun-Chefredakteur)

Zwischen virtueller Tür und Angel habe ich noch schnell den Shadowrun-Chefredakteur ausgequetscht!

1. Tobias – schildere
doch mal bitte kurz deinen Weg ins Rollenspiel.
Mein Weg ins Rollenspiel. Ich habe mit elf Jahren
angefangen. Ein guter Freund von mir brachte eine Box mit ominösem Inhalt mit:
Die DSA-Basisbox. Wir haben uns dann jeder fünf Helden gebastelt und losgelegt:
Einer hat geleitet und der andere seine fünf Charaktere durch das Szenario
geführt. Das war der Einstieg.
2. Sehr traditionell.
Bist du dann durchgängig beim Rollenspiel geblieben, oder gab es auch mal
„Durchhänger“?
Nein, nach dem ersten Anfixen bin ich direkt süchtig
geworden. Allerdings hatte ich dann erstmal eine Zeitlang keine Runde sondern
eben nur besagten Freund, mit dem ich gespielt habe. Später kam meine erste
Runde zustande – auch DSA. Es folgten noch in der Schulzeit Ausflüge in die
Welten von Shadowrun und Traveller. In der Zivildienstzeit und während des
Studiums wurde es dann immer bunter. Eine ständige Runde in den Schatten, ein
bisschen D+D, unregelmäßiges DSA, GURPS – alles, was irgendein Freund
anschleppte, wurde auch gespielt. Auf einer Messe habe ich dann irgendwann
Crazy, den ehemaligen SR-Chefredakteur getroffen und mich direkt gut
verstanden. Parallel dazu wurde ich über meine damalige Freundin mit Daniel
Richter bekannt und bin dann sozusagen zweigleisig in verschiedene Systeme als
Autor eingestiegen.
3. Stimmt. Du bist
einer der wenigen, denen der Ulisses-Pegasus gelingt. Wie schafft man das?
Bin ich das? Eigentlich nicht. Die letzten Arbeiten für
Ulisses liegen schon eine ganze Weile zurück. Dungeonband und Donner und Sturm
waren die letzten Bücher, an denen ich mitgearbeitet oder Feder geführt habe.
Tatsächlich gibt es auch noch eine (zumindest von meiner Seite) abgeschlossene
Dungeonanthologie, von der ich aber nicht weiß, in welchem Giftschrank sie
gelandet ist. Danach habe ich nichts mehr für Ulisses gemacht. Was aber nicht
daran liegt, dass ich viel für Pegasus arbeite – derzeit mache ich eher etwas
für Uhrwerk. Und Rollenspiel ist ja nicht mein Hauptberuf, sondern eher eines
von vielen Projekten.
4. Uhrwerk? Erzähl!
Ich arbeite ja nicht nur als Autor und Redakteur, sondern
auch als Layouter. Ich habe alle Wege-Bände der DSA-Reihe gemacht, damals. Für
Uhrwerk mache ich also hin und wieder auch ein Layout. Und für Myranor schreibe
ich ein wenig – wie jetzt zum Beispiel ein paar wenige Beiträge für das
Monsterbuch. Früher habe ich auch noch was für Cthulhu gemacht, für Lodland,
für Engel … die Szene ist ja relativ eng verzahnt.
5. Am Monsterbuch war
ich auch mit ein paar Biestern beteiligt und halte es für ein wirklich geniales
Teil – auf welchen von deinen Beiträgen dazu bist du am meisten stolz?
Wenn ich ehrlich bin, weiß ich gar nicht mehr genau, was ich
geschrieben habe. Ich glaube, es waren nur zwei Monster … an die rotbekammte
Basiliskenechse kann ich mich noch erinnern. Die heißt aber im Buch anders.
6. Neben den vielen
oben genannten Projekten dürftest du den meisten über deine Arbeit an Shadowrun
bekannt sein. Wie in aller Welt wird man zum SR-Chefredakteur?
Ja, Shadowrun beschäftigt mich natürlich sehr – es gibt
immer viel zu tun. Damals, als das System noch bei FanPro war, saß ich ja schon
in der Stammbesetzung der Redaktion. Als der Wechsel zu einem anderen Verlag
anstand, kamen einige der Kandidaten zu mir und bei einigen habe ich mich angeboten.
Letztlich fiel die Wahl der Amerikaner auf Pegasus und bei denen war ich als
Chefredakteur schon halb vorgemerkt: Wir kannten uns schon aus anderen
Projekten und waren uns daher klar darüber, dass eine Zusammenarbeit gut
funktionieren würde. Ich kannte das System, ich kannte den Verlag, ich hatte
die ganzen alten Kontakte … so kam dann eines zum anderen.
7. Für mich und meine
unbedarfteren Leser – was genau tut so ein Chefredakteur genau?
Lektoren suchen, Illustratoren anwerben, Autoren
beschäftigen, Konzepte planen und sich neue ausdenken, Budgets durchrechnen,
Ansprechpartner für Verlag/Fans/Autoren sein, Bücherinhalte strukturieren,
Texte lesen und schreiben, Termine im Auge behalten – besonders letzteres.
Damit der Drucktermin der irgendwann mal geplanten Buchveröffentlichungen
eingehalten wird muss der Text zum Übersetzer, dann zum Lektor, dann ins
Layout, dann zum Fahnenlektorat, dann zum Drucker. Gleichzeitig muss ein neues
Cover gemacht werden, für deutsche Zusätze ein Redakteur oder Autoren gefunden
werden, die Illus geplant … und das alles dann zusammengeführt werden.
Außerdem will man immer mal wieder was Neues starten, rein deutsche
Veröffentlichungen müssen komplett durchkalkuliert werden und mit dem
Amerikanern muss man auch Kontakt halten … man ist also eine Mischung aus
Organisator, Terminkalender, Briefkasten und sein eigener Sekretär. Und dazu
kommt dann noch ein kleiner Prozentsatz an kreativer Arbeit.
8. Gibt es ein Buch,
das du gerne herausbringen würdest, wenn du ein tolles Team hinter dir hättest
und jedes nur erdenkliche System zur Verfügung stünde?
Nein – es gibt viele Sachen, die ich toll finde. Ich
organisiere auch einfach gerne – und wenn ich schreibe, dann am liebsten
Abenteuer. Vielleicht mal ein postapokalyptisches Spiel, das nicht nur toll
anzuschauen und interessant zu lesen, sondern auch wirklich gut zu spielen ist.
Aber da gibt es ja auch schon ein paar Kandidaten auf dem Markt. Letztlich gibt
es viele Arten von Projekten, die ich sehr spannend finde oder fände.
9. Verfolgst du auch
kleinere Systeme oder Indies? Was ist da in deinen Augen der „heißeste Scheiß“?
Derzeit bin ich auf dem Delta Green-Tripp. Außerdem leite
ich sehr gerne Marvel, das ältere, würfellose System. Wobei wir keine
Marvelhelden spielen, sondern eigene Superhelden im Zweiten Weltkrieg gegen die
Thule-Gesellschaft. Ein bisschen Pulp, ein bisschen Marvel, ein bisschen
Hellboy, ein bisschen Indiana Jones. Ein schönes Setting. Mein dritter Favorit
– abseits von Deadlands oder Shadowrun: Die drei ??? als Rollenspiel.
10. Vielen Dank! Aus
meiner versprochenen halben Stunde sind nun schon 49 Minuten geworden. Dafür
erhältst du nun das Recht,
ein paar
Worte an das „Volk“ zu richten, die ich fett markieren und rot einfärben werde…
Du meinst, die letzten Worte als Ausruf an die
Gemeinschaft: Gehet hinaus und mehret euch! Ganz ehrlich, die Szene ist derzeit
relativ stabil, aber mehr werden es auch nicht. Das liegt daran, dass kaum
Nachwuchsförderung abseits von Mund-Zu-Mund-Propaganda gemacht wird. Die Verlage
haben dazu einfach nicht die richtigen Mittel und greifen mit ihren
Werbemöglichkeiten nur immer IN der Szene nach neuen Kunden. Wenn wir also
wollen, dass unser Hobby sich ausbreitet und mal ein bisschen größer wird, dann
solltet ihr andere infizieren. Es gibt da draußen noch sehr viele
Rollenspieler, die alle nur nicht spielen, weil sie gar nicht wissen, was das
ist und wie das geht. Tragt die Kunde also hinaus in die Welt: Rollenspiel ist
toll!

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