DSA-Vorlesewettbewerb: Das Podium und der große Meister

Nun, wie soll ich es formulieren? Böse betrachtet hat der Gewinner beschissen (aber auf eine so offensichtliche Art, dass man ihm nicht böse sein kann) – sieht man es positiv, so hat er mich mit einer Art Prüfsumme versorgt, mit der ich als Ausrichter testen konnte, ob die Jury ihre Arbeit auch gut macht.
Vielleicht kommt euch der Text, der bei dreien der vier Jurymitglieder äußerst gut angekommen ist, ja bekannt vor:
„Wie bärtige Dämonen ragen tote
graue Baumgestalten aus dem Nebel, der in trägen, hüfthohen
Schwaden über das Moorland zieht. Ihr schlagt die tropfnassen
Flechtenbärte zur Seite und ertastet Schritt für Schritt euren Weg.
Unter euren Füßen gluckst es verdächtig, der bemooste Boden gibt
weich unter euren Sohlen nach. Wenn ihr zurückschaut, seht ihr, wie
sich eure Fußstapfen mit schwarzem, faulig stinkendem Wasser füllen.
Vor euren Augen steht noch immer das Bild eurer Gefährtin Jorindiel,
die vor wenigen Stunden in eben diesem ölig glänzenden Wasser
versank, hinabgezogen von einem unbekannten Ungeheuer. Nie werdet ihr
den Augenblick vergessen, da sich die pechschwarze Brühe mit einem
leisen Gurgeln über Jorindiels Blondschopf schloss… Seitdem habt
ihr nur einen Gedanken: fort von hier.'“
Der Teilnehmer hatte den Text allerdings schon unter dem Pseudonym „Uli Kiesow“ bei mir angekündigt, und ich erinnerte mich glücklicherweise an das erst kürzlich wieder aufgetauchteTraktat von Uli: „Auf ein Wort, werter Meister…“, aus dem dieser Abschnitt schamlos entnommen wurde.
Nach kurzem Überlegen habe ich dann den Text ebenso wie die anderen einfach anonymisiert und an die Jury weitergeleitet.
Kommen wir nun zu den „wirklichen“ Siegern“, denn hinter dem König des Stimmungstextes platzierten sich gleich 4 Texte von drei verschiedenen Autoren.
… und da sind sie auch schon:
Praesi 1
Ihr erwacht in einem von Öllampen
erhellten Raum. Die Luft ist schwer vom süßen Duft erlesener
Kräuter. Ebenso schwer wie eure Köpfe, in denen es brummt und
pocht. Zusammen mit euren Gefährten findet ihr euch auf weiche
Kissen gebettet. Seidene Tuniken haben das fettige Leder und den
schweren Rüststahl an euren Körpern ersetzt, und fließen sanft und
geschmeidig an euch herab. Erschrocken schaut ihr euch um – auch eure
übrige Ausrüstung ist nirgends zu sehen.
„Willkommen, meine Freunde!“
Die Stimme klingt wie mit Honig
übergossener Stahl.
Aus dem Halbdunkel tritt, gefolgt von
einem stattlichen, tulamidischen Lustknaben, eine Frau an euch heran.
Ihr Gesicht wirkt seltsam alterslos. Am auffälligsten jedoch ist ihr
schweres, hüftlanges Kettenhemd.
Praesi 2
Ein letztes Mal wendet sich Raidri
grimmig und entschlossen lächelnd zu euch um. Wie Donnerhall klingt
die tiefe Stimme des Schwertkönigs. „Wenn ihr was lernen wollt,
dann folgt mir! FÜR RONDRA!“
Sein Schwert aus der Rückenscheide
ziehend gibt Raidri dem vor Anspannung tänzelnden Rappen die Sporen.
Einem Rondrikan gleich prescht er furchtlos auf die feindlichen
Linien zu.
Zuversicht und Dankbarkeit lassen eure
Herzen höher schlagen. Zuversicht, die Schlacht an der Seite des
schon zu Lebzeiten legendären Kämpfers zu überstehen. Und
Dankbarkeit, dem größten Helden Aventuriens bei der Rettung des
Mittelreiches beistehen zu dürfen. Die Gewissheit, hier und heute
einen historischen Moment zu erleben, erfüllt euch mit Stolz!
„VORWÄRTS! FÜR RONDRA!“
Dolge
Der schwach tröpfelnde Regen hat
nachgelassen und die goldflüssigen Strahlen des Praiosrades
schimmern wie Speere durch das Blätterdach. Sie tröpfeln auf die
Spur der diebischen Schwarzpelze, denen ihr schon seit Stunden folgt.
Braunglänzige, von schleimigen Schneckenspuren überzogene
Boronskappen mit dickem Stiel und weichem Futter säumen euren Pfad
und ihr bessert gleich eure Vorräte auf. Als ihr kurz darauf die
Spur verliert, macht ihr eine kurze Rast, um eure Beute mit viel
Butter und etwas Speck in der Pfanne zu schmoren. Schließlich
entdeckt ihr beim Beseitigen des Pilzputzabfalls doch einen
Fußabdruck und entscheidet nach einigem hin und her einstimmig, den
Orks weiter zu folgen. Hoffentlich habt ihr noch nicht zu viel Zeit
verloren.
 
Sylandril
Als ihr die Tür öffnet steht es vor
euch. In unfasslicher Fürchterlichkeit, allem was den Zwölfgöttern
heilig ist, spottend, dreht sich die düstere Kreatur um. „Ich habe
euch erwartet“ dröhnt es durch den Raum. Ihr gedenkt all eurer
gefallen Freunde und Kameraden. Praiosgerechter Zorn steigt brodelnd
in euch auf, als euer schrecklicher Feind hämisch fragt: Und? Seid
ihr mit dem zufrieden, was euch am Ende eurer Reise erwartet habt?
Nun werdet ihr sterben, wie eure jämmerlichen Freunde und eure
schwachen Zwölfgötter werden euch auch nicht helfen. 
Hier auch zur perfekten Nachkontrolle die Platzierungen der Jury:
 
Melanie
1. Praesi 1 5
2. Michael Birnbacher 4
3. Gudrun 3
4. Uli Kiesow 2
5. Dolge 1
Karsten
1. Sylandril 5
2. Edvard Elch 4
3. Oliver Roehrer 3
4. Heiko 2
5. Dolge 1
Peter
1. Uli Kiesow 5
2. Praesi 2 4
3. Denny von Roux 3
4. Heiko 2
5. Gudrun 1
Julian
1. Uli Kiesow 5
2. Klaus Westerhoff 4
3. Dolge 3
4. Stephan Bohnsack 2
5. Praesi 2 1
Ich habe in bester Gutsherrenmanier trotz der Proteste der Jury beschlossen, den von Teichdragon gestifteten „Hauptpreis“ an Praesi zu vergeben, der mit zwei Beiträgen ganz vorne dabei war.
Das von Sphärenmeister-Roland gestiftete DSA-Abenteuer habe ich eben meine Tochter auswürfeln lassen und sorry, Dolge – aber der Presi geht an Sylandril Sternenschwinger.

6 Gedanken zu „DSA-Vorlesewettbewerb: Das Podium und der große Meister“

  1. Mein Glückwunsch an alle Gewinner!

    Mein persönlicher Favorit ist der 1. Text von Praesi: Gefühlsvorkauerei, Ausrüstungs- und Kontrollverlust, NSC-PORNO vom Feinsten. Und das alles sprachlich hervorragend verpackt. "Die Stimme klingt wie mit Honig übergossener Stahl." Hammer!

  2. Die Stimme, die klingt wie "von Honig übergossener Stahl" erinnerte mich jetzt schlagartig an einen Satz aus dem ersten Buch von Lied von Eis und Feuer. Hab ich erst gestern gelesen, deshalb die sofortige Erinnerung.
    Da ist es aber die Stimme, die klingt wie von Honig übergossener Donner.

    Ansonsten: ich mag Wettbewerbsbeiträge lesen. 🙂

  3. Bei mir auch Dolge. Die anderen vier kommen einer der (vielleicht gefühlten) Grundanforderungen des Wettbewerbs (Heldenhandlungen durch den Meister, Entwertung von Spielerentscheidungen) nicht nach. Praesi1-Text ist nicht zu entnehmen, ob die Ausrüstung durch Autorenwillkür weg ist, weil der Kontext fehlt. Fail. In PraesiII wird den Helden zwar ein Schlachtruf in den Mund gelegt, aber das ist auch eher schwach. Die anderen sind jetzt auch nicht besser. Das sind keine "typischen" DSA-Texte, sondern typische schlechte Prosa, wie sie in jedem Spiel immer wieder anzutreffen ist.

    Der einzige, der die DSA-typische Meisterkeule rausholt, ist Dolge:

    säumen euren Pfad und ihr bessert gleich eure Vorräte auf. Als ihr kurz darauf die Spur verliert, macht ihr eine kurze Rast, um eure Beute mit viel Butter und etwas Speck in der Pfanne zu schmoren. Schließlich entdeckt ihr beim Beseitigen des Pilzputzabfalls doch einen Fußabdruck und entscheidet nach einigem hin und her einstimmig,

    Das ist komplette Heldenenteignung. Ich ernenne den Drittplazierten zum wahren "Meister der Herzen."

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